Direkt zum Inhalt springen
zum Inhalt
 

Geschichte der Werthbühlia

Die Aufbruchstimmung der frühen Regenerationszeit schuf im Thurgau viele Vereine, die sich für "löbliches Tun für den Nächsten, die Gemeinde, den Staat und das Vaterland" engagierten. Einer dieser Vereine war die Montagsgesellschaft, die, wie ihr Name schon sagt, jeweils montags auf Werthbühl tagte, wo der Pfarrer neben der Kirche auch noch gleich eine Gastwirtschaft betrieb.
Am 7. Januar 1833 führten die Ärzte Joachim Vogt aus Tobel, Elias Haffter aus Weinfelden, Anton Anderwert aus Schönholzerswilen, Gottfried Habisreutinger von Bischofszell, Johann Jakob Schweizer von Bleiken und Leberecht Brenner von Weinfelden diese Stammtisch-ähnliche  Montagsgesellschaft in den erst später "Werthbühlia" genannten Ärzteverein über. Dies mit dem hochgesteckten Ziel, besser als die Kantonsgesellschaft zu werden.

In der Gründungsurkunde gibt sich der Verein von Ärzten, Apothekern und gebildeten Tierärzten das Ziel, einen regen Informationsaustausch zu pflegen, Patienten vorzustellen, sich gegenseitige Hilfe zu leisten aber auch das gesellige Zusammensein sollte nicht zu kurz kommen. Die Sitzungen fanden monatlich statt, fingen um 13 Uhr an und gingen oft bis nach Mitternacht.

Einer der wichtigsten Aktionen der Werthbühlia in den ersten Jahren war 1837 der Vorstoss der Mitglieder Haffter und Brenner zur Gründung der kantonalen Krankenanstalt in Münsterlingen. Brenner war dann auch der erste Spitalarzt in Münsterlingen (wobei er dieses Amt schon nach 6 Jahren wieder aufgab und eine Praxis in Weinfelden eröffnete).

Fanden die ersten Sitzungen noch in Werthbühl statt, wandte sich die Werthbühlia nach dem Wegzug des dortigen Pfarrers anderen Orten zu: zuerst dem Rössli in Bürglen, dann dem dortigen Schloss und nachher dem renommierten Gasthof Helvetia in Sulgen, wo die Werthbühlia dann für über 80 Jahre tagte.
​Die Januarsitzung war jeweils gleichzeitig das Jahresfest. Ein Beispiel des Jahresberichtes von 1847 zeigt, dass politische Geschehnisse auch das Vereinsleben tangierten, wie z.B. dass der Sonderbundkrieg zu hohen Mitgliederfluktuationen führte. Im Weiteren werden Kontakte zu Schwestervereinen, hier der "Münsterlingia", erwähnt. Es zeigt sich auch, dass damals ein starker Wandel in der Medizin einsetzte, so z. B. die Erfindung der Äthernarkose, über deren Anwendung schon 6 Monate nach ihrer Entdeckung in der Werthbühlia (mit Demonstration) berichtet wurde.
 

Das 50-Jahr Jubiläum der Werthbühlia wurde unter der Präsidentschaft von Johannes Böhi gefeiert. Seine Erfahrung zeigt, dass Ärger mit den Krankenkassen nicht eine Erfindung unserer Tage ist. Böhi gab 1895 seine Praxis in Erlen auf, weil er den Ärger mit den Krankenkassen und den Kollegenneid leid war. Er widmete sich später der Mikrobiologie und der Kunstgeschichte. Auch das 100-jährige Jubiläum der Werthbühlia, das auf Einladung der Regierung des Kantons Thurgau auf dem Arenenberg gefeiert wurde, stand im Zeichen von Themen, die aus der heutigen Zeit stammen könnten: Tarifanliegen und Rückblick auf frühere, vermeintlich bessere Zeiten.

Ein berühmtes Mitglied der Werthbühlia war Elias Haffter d. J., der später Präsident des Schweizerischen ärztlichen Centralvereins wurde. Ihm gelang die Zusammenführung der kantonalen Gesellschaften zur SchweizerischenÄrztekammer. Neben seinen standespolitischen Verdiensten war er auch der erste Spitalarzt in Frauenfeld, Chefredaktor des "Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte" und Mitglied der Eidg. Prüfungskommission (für Ärzte). Auf nicht medizinischem Gebiet glänzte er als Musiker und seine Reiseberichte wurden zur damaligen Zeit gern gelesen.

Ebenfalls bekannt wurde Hermann von Liebenau, der später als Arzt in päpstliche Dienste trat und noch später Staatsarchivar im Kanton Luzern wurde. Dort publizierte er über Winkelried und wurde dadurch zu einem der Begründer der Schweizer Heldenliteratur. Weitere wichtige Mitglieder waren Max Haffter, dem als Enkel des Gründungsmitglieds Elias Hafter das Weiterbestehen des Vereins während der schweren Jahre 1908-1920 zu verdanken ist, Albin Scherb, Bischofszell, Ferdinand Krayenbühl, Zihlschlacht und Hans Gimmel, Erlen, welcher die Werthbühlia während des 2. Weltkriegs präsidierte.

Unter Hans Munz, der von 1947 bis 1960 Präsident war, wandelte sich das Bild der Werthbühlia: Aus einem Verein, der seit 114 Jahren die fachliche Weiterbildung auf seine Fahne geschrieben und praktisch ausschliesslich betrieben hatte, wurde ein neuer, bei dem neben diesem Ziel jene der allgemeinen Bildung, der Unterhaltung und des gesellschaftlichen Lebens ebenfalls Beachtung fanden. Zur 1000. Sitzung am 16. April 1955 verfasste der Zürcher Medizinhistoriker Bernhard Milt eine Festschrift über die ersten ​10 Jahre der Werthbühlia. Diese Arbeit wurde von H. R. Huggenberg 1958 in einer Dissertation über die ersten 70 Jahre der Werthbühlia fortgesetzt.

Zum 150 jährigen Jubiläum verfasste der spätere Präsident Markus Oettli wiederum eine Festschrift, die einen guten Überblick über die weitere Vereinsgeschichte der Werthbühlia gibt.

Etwa ab 1900 traf sich die Werthbühlia noch viermal jährlich zu Sitzungen, die jeweils an unterschiedlichen Orten, meist im Thurgau, stattfanden. Dabei standen nach 1970 vermehrt allgemein kulturelle Themen im Vordergrund und die Partnerinnen resp. Partner wurden eingeladen. 

Als sich anfangs 2024 keine Mitglieder mehr fanden, die ein Vorstandsamt übernehmen wollten, wurde beschlossen, nur noch eine einzige Sitzung jährlich ins Auge zu fassen, welche jeweils ein/e Freiwillige/r organisieren sollte. Das Administrative wurde von der Kantonalen Ärztegesellschaft übernommen und die Kasse wird durch die Ärztegesellschaft geführt. Für die Jahre 2024 bis 2026 ist das vorerst gelungen. Tempora mutantur.