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Editorial

Artikel zum Newsletter Oktober 2025



editorial

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen
 

Das Jahr neigt sich bereits langsam dem Ende entgegen und damit auch einem weiteren Meilenstein: TARMED hat nach 21 Jahren ausgedient und wird am 1.1.2026 durch den neuen Arzttarif TARDOC ersetzt. Die meisten von euch werden sich bereits mehr oder weniger intensiv mit den Veränderungen und Neuerungen beschäftigt haben. Neben unzähligen Kursangeboten – unter anderem auch von der ÄTG (siehe separate Ankündigung) – gilt es, die IT-Systeme anzupassen, allenfalls neue Leistungsblätter zu erstellen und Arbeitsabläufe anzupassen. Kurz: es stehen für die meisten von uns gewichtige Veränderungen an.

Umso mehr erstaunt, dass bei einer derart bedeutsamen und tiefgreifenden Umstellung von politischer Seite aus in Bern so wenig Sorgfalt an den Tag gelegt wird. Zuerst wurde der Tarif jahrelang verzögert und die Tarifpartner mit unzähligen Auflagen und Nachbesserungsanforderungen beübt. Dann konnte es nicht schnell genug gehen und alles musste in einer Hauruck-Übung mit gerade mal einem halben Jahr Vorlaufszeit einsatzbereit sein. Bekanntermassen ist vieles dabei auf der Strecke geblieben: Die Ärzteschaft ist unter Anderem konfrontiert mit teilweise völlig unzulänglichen, nicht ausgereiften und vor allem nicht kostendeckenden Pauschalen, einer neu «hereingerutschten» Limitation auf die Wegpauschale von 60 Minuten, die im Thurgau und darüber hinaus den gesamten hausärztlichen und psychiatrischen Notfalldienst in Gefahr bringt. Dieses Chaos widerspiegelt sich in den weit über 400 Änderungsanträgen, die die OAAT, die oberste Tarifpflegeinstitution, nun zu bewältigen hat. Viele davon wären dringlich; eine Anpassung noch auf den Einführungszeitpunk am 1.1.26 in den meisten Fällen nicht möglich. Es wird schon von Anpassungen erst ab 2028 geredet.

Parallel dazu müssen mit den Einkaufsgemeinschaften der Versicherer die dazugehörigen Tarif- und Anschlussverträge verhandelt werden. Die kantonalen Ärztegesellschaften haben sich schnell darauf geeinigt, gemeinsam in die Verhandlungen einzusteigen und eine für alle Kantone (mit wenigen Ausnahmen) gleichlautende Version anzustreben. Die Versicherer hingegen sind trotz den vollmundigen Ankündigungen von Felix Gutzwiller und Prio.Swiss uneins und sehen in den Verhandlungen die Möglichkeit, eigene Anliegen wieder einzubringen und durchzudrücken. Kurz: Der Plan, die fertigen Verträge im August den einzelnen Kantonen zur Genehmigung vorzulegen ist in weite Ferne gerückt. Es liegt somit durchaus im Bereich des Möglichen, dass wir am 1. Januar in einem vertragslosen Zustand in den neuen Tarif starten. Eines ist immerhin klar: Für den Thurgau und vermutlich auch für alle anderen Kantone wird der Taxpunktwert dem aktuellen entsprechen, also für uns 86 Rp.

Am 1. Oktober fand im idyllisch gelegenen Schupfen am Rheinufer in Diessenhofen die 4. Ausgabe des Gesundheitsgipfels statt. Unter dem Titel „Diagnose Zukunft“ lud Regierungsrat Urs Martin ausgewählte Gäste des Thurgauer Gesundheitswesens ein, sich intensiv mit den Chancen und Herausforderungen der künstlichen Intelligenz im Gesundheitswesen auseinanderzusetzen. Neben der ausgezeichneten Möglichkeit der Vernetzung zeigten interessante Referate von Roger Basler de Roca, Thomas Schulz und Rouven Christian Porz die aktuellen Trends, Möglichkeiten und Stolpersteine auf. Eine persönliche, eher bittere Erkenntnis: Während international KI, Digitalisierung und smarte Betriebssysteme von Apple bis Microsoft rasant voranschreiten, schafft es die Schweiz auch nach über 10 Jahren nicht, ein funktionierendes Elektronisches Patientendossier (EPD) einzuführen oder wenigstens den strukturierten Austausch von Medikationsdaten (z. B. eMediplan) flächendeckend zu etablieren. Dabei wäre dies ein einfacher und dringend nötiger Schritt für mehr Patientensicherheit sowie bessere und effizientere Zusammenarbeit im Alltag. Der Staat überlässt die Digitalisierung in der Medizin weitestgehend den Leistungserbringern und Akteuren. Kein Wunder, gilt die Schweiz im eHealth-Bereich zunehmend als Entwicklungsland.

Lassen wir uns aber durch diese eher kritischen Gedanken unsere Laune nicht verderben, ziehen wir doch unsere Freude am Beruf nicht aus der Bürokratie oder den politischen Rahmenbedingungen, sondern aus dem Kontakt mit unserem Mitmenschen und Patienten. In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine angenehme Lektüre des Newsletters und einen goldenen Herbst.

Dr. med. Alex Steinacher
Präsident Ärztegesellschaft Thurgau